Die heiligen Kinder – oder: Journalist oder Informant?

9. April 2010

„Les infiltrés“ heisst eine TV-Sendung auf France 2.  In der Ausgabe vom 6. April ging es um Pädophile. Der Journalist hat sich als Pädophiler ausgegeben, der an Minderjährigen interessiert ist. Noch bevor die Reportage ausgestrahlt wird, liefert der Sender die Gesprächspartner der Polizei aus. Das ist ein singulärer Vorgang. Das französische Gesetz garantiert einen kompletten Quellenschutz. Der Sender hat ihn nicht in Anspruch genommen. Erstaunlich die Argumente des Anwaltes von France 2: In zwei Fällen würde er die Quellen nicht schützen. Erstens wenn man wisse, dass Kinder Opfer von Pädophilen seien und zweitens, wenn man ein Terroristennetz infiltriert habe und erfahre, dass eine Bombe in der Metro gezündet werden soll, die 150 Opfer fordere.

Es stellen sich einige Fragen:

Was bedeutet es für den Journalismus, wenn nicht mehr alle Quellen geschützt werden?

Der Vergleich der beiden Fälle: Missbrauch von Kindern und Tötung von 150 Menschen ist seltsam.  Der Anwalt entscheidet autonom, dass die Beschädigung des Leben des Kindes so schlimm ist, wie der Tod von 150 Personen. Einen Vergewaltiger von 149 Frauen würde er nicht anzeigen? Oder ein Serienkiller?

Nicht dass der Missbrauch von Kindern in irgend einer Weise zu rechtferigen wäre! Nein. Wir leben aber in einer Zeit, in der der Missbrauch von Kindern zum schändlichsten aller Verbrechen aufgerückt ist.  Einem Kind etwas anzutun gehört zum schlimmsten. Das ist doch ziemlich verlogen.

Erstens sind die Kinder nicht jene unschuldigen Wesen, als was sie dargestellt werden und zweitens ist die Gesellschaft, die solche Unschuldsgedanken hervorbringt, alles andere als kinderfreundlich und kindergerecht.  Es wird nicht so gebaut, dass es den Kindern wohl ist, man misst ihrer Erziehung nur geringes gesellschaftliches Interesse bei, man beutet die Kinder in der Werbung schamlos aus – man macht Sexobjekte aus ihnen – und viele Eltern machen da munter mit und empören sich gleichzeitig masslos über jene, die die „Unschuld“ ihrer Kleinen angreifen.

Der israelische Friedensaktivist Uri Avnery zum Minarett-Verbot

7. Dezember 2009

Die Schweiz hat in einem Volksentscheid entschieden, dass keine Minarette gebaut werden dürfen. Das ist nicht gut. Es ist nicht schlecht. Das ist widerlich. Antisemitismus scheint vom einen zum anderen semitischen Volk übergegangen zu sein. Im Europa nach dem Holocaust ist es schwierig, antijüdisch zu sein, so wurden die Antisemiten Anti-Muslime. Im Hebräischen sagen wir: dieselbe Dame – nur in einem anderen Gewand. Vom ästhetischen Standpunkt aus gesehen, ist es eine dumme Entscheidung. In jeder Anthologie der schönsten Gebäude der Welt nimmt die islamische Architektur einen Ehrenplatz ein. Von der Alhambra in Granada bis zum Felsendom in Jerusalem, – geschweige denn zum Taj Mahal – erregen Hunderte von islamischen Bauten Bewunderung. Ein oder zwei Minarette würden in der städtischen Landschaft Berns Wunder tun. Aber es geht hier nicht um Architektur, eher um einen primitiven, brutalen Rassismus, dem die Deutschen gerade entkommen sind. Auch die Schweizer haben viel zu sühnen. Ihre Großväter und -mütter benahmen sich während des Holocausts auch schändlich, als sie erklärten, „das Boot sei voll“ und Juden, denen es gelungen war, bis an die Schweizer Grenze zu gelangen, zu den Nazihenkern zurückschickten. (Diese Erinnerung sollte uns Israelis veranlassen, gegen das Verhalten unserer eigenen Regierung gegenüber den sudanesischen Flüchtlingen zu protestieren, denen es gelingt, von Ägypten aus unsere Grenze zu erreichen. Sie schickt sie zu den Ägyptern zurück, die sie dann bei mehr als einer Gelegenheit erschossen haben.) Übrigens sollte das Schweizer Referendum jenen zu denken geben, die versucht sind, anzunehmen, dass das System des Referendums besser als das parlamentarisches System günstig sei. Ein Referendum öffnet Tür und Tor für die schlimmsten Demagogen, die Schüler Joseph Goebbels, der einmal schrieb: „Wir müssen uns wieder an die primitivsten Instinkte der Massen wenden.“ Jean Paul Sartre sagte einmal, wir seien alle Rassisten. Es gibt nur den Unterschied zwischen denen, die dies erkennen und gegen ihren Rassismus ankämpfen und jenen, die ihm nachgeben. Die Mehrheit der Schweizer – so leid es mir tut, dies sagen zu müssen – haben diesen Test nicht bestanden. Und wie ist es mit uns?

Die Schweiz hat in einem Volksentscheid entschieden, dass keine Minarette gebaut werden dürfen. Das ist nicht gut. Es ist nicht schlecht. Das ist widerlich.

 Antisemitismus scheint vom einen zum anderen semitischen Volk übergegangen zu sein. Im Europa nach dem Holocaust ist es schwierig, antijüdisch zu sein, so wurden die Antisemiten Anti-Muslime. Im Hebräischen sagen wir: dieselbe Dame – nur in einem anderen Gewand.

 Vom ästhetischen Standpunkt aus gesehen, ist es eine dumme Entscheidung. In jeder Anthologie der schönsten Gebäude der Welt nimmt die islamische Architektur einen Ehrenplatz ein. Von der Alhambra in Granada bis zum Felsendom in Jerusalem, – geschweige denn zum Taj Mahal – erregen Hunderte von islamischen Bauten Bewunderung. Ein oder zwei Minarette würden in der städtischen Landschaft Berns Wunder tun.

 Aber es geht hier nicht um Architektur, eher um einen primitiven, brutalen Rassismus, dem die Deutschen gerade entkommen sind. Auch die Schweizer haben viel zu sühnen. Ihre Großväter und -mütter benahmen sich während des Holocausts auch schändlich, als sie erklärten, „das Boot sei voll“ und Juden, denen es gelungen war, bis an die Schweizer Grenze zu gelangen, zu den Nazihenkern zurückschickten.

 (Diese Erinnerung sollte uns Israelis veranlassen, gegen das Verhalten unserer eigenen Regierung gegenüber den sudanesischen Flüchtlingen zu protestieren, denen es gelingt, von Ägypten aus unsere Grenze zu erreichen. Sie schickt sie zu den Ägyptern zurück, die sie dann bei mehr als einer Gelegenheit erschossen haben.)

 Übrigens sollte das Schweizer Referendum jenen zu denken geben, die versucht sind, anzunehmen, dass das System des Referendums besser als das parlamentarisches System günstig sei. Ein Referendum öffnet Tür und Tor für die schlimmsten Demagogen, die Schüler Joseph Goebbels, der einmal schrieb: „Wir müssen uns wieder an die primitivsten Instinkte der Massen wenden.“

 Jean Paul Sartre sagte einmal, wir seien alle Rassisten. Es gibt nur den Unterschied zwischen denen, die dies erkennen und gegen ihren Rassismus ankämpfen und jenen, die ihm nachgeben. Die Mehrheit der Schweizer – so leid es mir tut, dies sagen zu müssen – haben diesen Test nicht bestanden.

 Und wie ist es mit uns?

http://www.uri-avnery.de/index.php?mact=News,cntnt01,detail,0&cntnt01articleid=64&cntnt01origid=15&cntnt01returnid=15

Der Bistumsartikel

30. November 2009

Der Satz: Der Bau von Minaretten ist verboten – soll nun dem Artikel 72 der Bundesverfassung als Absatz 3 beigefügt werden. Bis am 10. Juni 2001 hat dort der Bistumsartikel gestanden. Der sah vor, dass die Errichtung von Bistümern der Genehmigung des Bundes unterliegt. Per Volksabstimmung hat man dann diese Bestimmung gestrichten, weil man fand, dass sie die katholische Kirche diskriminiere. Man sollte also heute nicht so tun, als ob die Schweiz ein Musterstaat in Sachen religiöser Toleranz gewesen wäre, von den Kloster- und Jesuitenartikeln ganz zu schweigen.

Die Vorgeschichte zum Bistumsartikel: 1872 hat sich in Genf der katholische Stadtpfarrer Gaspard Mermillod ohne Genehmigung der Regierung die bischöfliche Gewalt über die dortigen Katholiken übertragen lassen. Deswegen hat ihn der Staatsrat abgesetzt, was sich wiederum der Papst nicht bietenliess, worauf der Bundesrat kurzerhand alle Beziehungen mit Rom abgebrochen hat. Das war einer der vielen Schauplätze des Kulturkampfes in der Schweiz. Der brach aus, weil 1870 das Erste Vatikanische Konzil verkündete, dass der Papst, wenn er die höchste Lehrgewalt in Anspruch nimmt, unfehlbar ist. Das hat nicht nur die Katholiken gespalten – es entstand die Christkatholische Kirche – es brachte auch den modernen aufgeklärten Bundesstaat gegen die römische Kirche auf. Mit der Begründung der Wahrung des religiösen Friedens in der Schweiz ist deswegen 1874 ein Artikel in die Verfassung aufgenommen worden, der die Einmischung der Politik in die Organisation der katholischen Kirche vorsah. Nach 127 Jahre wurde der Bistums-Artikel gestrichen und nur 8 Jahre später steht an dessen Stelle nun der Minarett-Verbots-Artikel – wieder 127 Jahre?

Neulich in Hauterives

19. November 2009

Hauterives liegt in der Drôme.  Dort befindet sich der Palais idéal vom Briefträger Cheval. Eine Ikone der Art brut. Schade, dass man das Bauwerk „Palais idéal“ nennt, er selber hat lange von „Palais des Fées“ gesprochen.

Um das Werk einigermassen zu verstehen, sollte man sich das Motto zu Herzen nehmen, das Ferdinand Cheval an seinem Wohnhaus anbrachte: Arbeit. Ordnung. Sparsamkeit. Der Mann war ungemein fleissig, verbissen. Einer der besten Vertreter einer Zeit, die gerade angefangen hat, die Arbeit, die Tüchigkeit, den Einsatz bis zum Umfallen besonders hervorzustreichen. Das muss gesagt sein, weil sein Werk auf den ersten Blick den Eindruck erwecken könnte, dass da einer verspielt seiner Phantasie freien Lauf gelassen hätte. Nein, das Ganze war ein verbissener Krampf. Es erinnert mich an Jean Nicole, der kürzlich meinte, dass man die Orchester-Musik der Romantik nur richtig verstehe, wenn man eine Dampflokomotive vor Augen hat. Noch besser: eine Dampflokomotive im Vordergrund und dahinter ein Doktor Faustus, der wild herumfuchtelt. Wir würden ja heute auch eher dazu neigen, diese Musik mit bunten Wiesen und lieblichen Blumenkindern zu verbinden. Aber es ist die Musik der Dampfmaschine, die den monotonen Rhythmus vorgibt und das berechenbare Antreiben der Stahlräder.

Bei meinem Besuch habe ich mich – fotografisch – auf die Indienstnahme der Tiere für sein Werk durch den Briefträger Cheval konzentriert.

In der ganzen Region von Hauterives sind sehr viele Mauern mit Fluss-Steinen gebaut.

In Zement modelliertes Geäst

Neulich nach dem Theater

6. November 2009

Eigentlich wollte ich gar nicht ins Theater. Ich habe mir in der Buchhandlung einen alten Schmöker erworben – Cités et Pays suisse von Gonzague de Reynold, für nicht wenige eine umheimlicher Patriot avant la lettre. Lese aber sehr gerne seine Beschreibungen, seine Ueberlegungen, seine Spekulationen – grossartig zum Beispiel im späteren Buch „Le génie de Berne et l’âme de Fribourg“ oder in „Le destin du Jura“. Kurz, das neue Buch unterm Arm ging ich im Flon auf die Suche nach einem Ort, wo ich in aller Ruhe ein Glas Chasselas trinken könnte und schon die ersten Seiten des neuen Buches zu lesen. Da steht Dominique Ziegler auf dem Trottoir, erinnert sich, dass er mich schon mal als Journi gesehen hat, drückt mir einen Zettel in die Hand für sein neues Theaterstück. „Was, schon wieder“, meine ich. Ich solle doch heute abend gleich kommen, es sei die erste Aufführung in Lausanne. „Eigentlich wollte ich aber lesen“, entgegnete ich. „Hör doch auf, so alte verstaubte alte reaktionäre Säcke zu lesen, ist doch nur verlorene Zeit! Komm heute abend.“  Vor soviel Engagement verneigt man sich und gehorcht. Dominique hat es wohl von seinem Vater Jean geerbt. Das Stück war wie seine Stücke sind, eine Art Dorftheater, aber sehr engagiertes Dorftheater. Diesmal war man bei den Brokern. Ein perverser Chef, eine perverse Angestellte und ein Neuangestellter. Gezeigt wird die absolute Verwerflichkeit des Milieus. Wenn das Engagement nicht so rührend wäre, wäre es peinlich. Mal pfitzt der Chef die Angestellte, dann lässt er sich von ihr pfitzen, dann macht er mal seinem Neuangestellten vor, wie seine Kollegin, in die er sich inzwischen verliebt hat, pfitzt und muss dann selber auch hauen. Und der geneigte Zuschauer fragt sich, was sich die Frau wohl unter den Rock angezogen hat, was a) nicht aufträgt und sichtbar ist und b) vor den Schlägen schützt. Oder leidet die Frau absichtlich für die Kunst? Und er fragt sich auch, was sicher nicht im Sinne des Autors ist, wie das im SM-Milieu eigentlich ist. Sind Sadisten auch Masochisten – und umgekehrt. Sind die alle bi? Na ja, wir haben geklatscht, die Leistung der Schauspieler bewundert, ehrlich, und das Engagement von Dominique Ziegler. Raus, Handy wieder einschalten und ich muss mich bei jemandem melden. Am Handy sprechend, gehe ich auf dem Trottoir vor dem Theater Arsenic auf und ab. Plötzlich hält ein Auto an, hupt, hupt nochmals. „Das geht mich jetzt gar nichts an“, denke ich und ich will jetzt nicht sagen: „Nein, ich bin nicht von hier“ oder „Ja nach Malley müssen sie da gradausfahren und dann links“.  Es hupt schon wieder, jetzt schau ich erst hin, eine schwarze Frau hat schon die Scheibe nach unten gedreht. Ich geh also hin, ohne mein Telefongespräch zu unterbrechen. Neige mich etwas ins Auto und die Frau setzt ihr schönstes Lächeln auf: „Bonjour, tu veux faire l’amour?“ – War a) erbauend für die Person am anderen Ende der Telefonleitung… und b) meinte ich, dass das mit dem Strassenstrich anders geht.

Kelten, Römer, Berggorillas

20. Oktober 2009

Künftige Chefs werden schon im Bewerbungsverfahren, im Assessement dahingehend geprüft, ob sie sich durchsetzen können, ob sie Gestaltungswillen zeigen. „Ja was sind denn ihre Vorstellungen, wie die Abteilung geführt werden soll?“ „Was werden Sie anders machen?“ „Wie werden Sie die Veränderungen durchsetzen?“ Die KandidatInnen sind auf solche Fragen vorbereitet und nehmen entsprechend das Maul voll und Leute mit Biss gefallen den Chefs der Chefs, die schon etwas müde sind. Sie bekommen also den Posten. Vielleicht läuft da ja bereits alles ganz ordentlich und der neue Chef könnte ein bisschen an die Sonne liegen oder Freunde auf dem Golfplatz treffen. Tut er aber nicht. Weil er lieber als Golfspielen seine „Führungsqualitäten“ zeigen will. Falls es keine Probleme gibt, schafft er sich zuerst welche, die er dann kreativ lösen kann. Hauptsache er wirbelt die ganze Zeit herum und hat auch schon nach drei Monaten im Amt bereits einen Monat Ueberzeit eingefahren. Dazu gehört auch, dass ein neuer Chef mit der Vergangenheit bricht. „Lasst uns nach vorne schaun und nicht in der Vergangenheit herumwühlen, das bringt nichts.“ „Das war vor mir und geht mich nichts mehr an.“

Was macht das Berggorilla-Alpha-Männchen, wenn es nach dem Tod des alten Silberrücken zur Grossfamilie stösst? Es tötet die letzen Gorillababies, die noch sein Vorgänger gezeugt hat. Erst dann macht er sich ans Fortpflanzen seiner Gene. Für die Berggorillas ist das heutzutage insofern fatal, als die Erhaltung der ganzen Rasse gefährdet ist. Weil soviele Berggorillas gibt es gar nicht mehr und bis die Gorillafrau wieder kleine Gorillas gebären kann, vergehen zwei Jahre. Die Männchen gefährden den Fortbestand der ganzen Rasse, weil sie so sehr auf ihre Gene versessen sind.

Aber wir sind ja keine Gorillas und Vergleiche mit Tieren hinken immer ein wenig. Da wären also zum Beispiel die Kelten. Wenn dich dort ein Stammesführer zum Tod verurteilt hat und er darauf grad gestorben ist, hattest du alle Chancen, mit dem Leben davon zu kommen. Weil mit dem Stammesführer sind auch alle seine Gesetze zu Grabe getragen worden. Der neue Stammesführer hat wieder bei Null angefangen und er hat vielleich gefunden, weil ein schöner Tag war, dass du noch weiterleben darfst. Dann kamen die Römer und die lex romana. Was man gemeinhin als einen wichtigen zivilisatorischen Schritt betrachtet. Da konnte der Kaiser ruhig sterben, die lex romana galt immer noch, auch wenn der nächste Kaiser starb. Das gab so etwas wie Rechtssicherheit.

Von Quadhafi lernen

3. September 2009

«Die Israeli sind Idioten, und die Palästinenser sind Idioten.»

«Für die arabische Welt ist die Frau wie ein Möbelstück, das man verrücken kann, wenn man möchte, und niemand wird jemals fragen, warum man das gemacht hat.»

«Das Dorf ist ruhig, sauber und homogen.»

«Es ist die natürlichste Sache der Welt für die Menschen, zu wandern und ihren Lebensunterhalt auf der ganzen Welt zu suchen. (. . .) Millionen der schwarzen Bevölkerung wurden aus Afrika nach Europa und Amerika verschleppt. Warum werden sie jetzt darin gehindert, wenn sie nun selbst aus freiem Willen gehen wollen? Das ist ein klarer Fall von Doppelmoral. Als sie als Sklaven missbraucht wurden, als Lasttiere, sagte niemand, sie müssten respektiert werden und in ihren eigenen Kontinent verbleiben.»

 

Quellen: Qadhafi, Das Grüne Buch, 1976/79. Qadhafi, Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten, 1993. BBC, 4. 12. 1998. Peter Köhler, Die schönsten Zitate der Politiker, 2005. Rede an einem Treffen mit Schriftstellern, 2005. News 24, 23. 3. 2005. Rede vor der Ministerkonferenz der Afrikanischen Union und der EU, 2006. Rede an der Columbia-Universität in New York, 23. 3. 2008. Rede vor Frauen in Rom, 12. 6. 2009. Rede am G-8-Gipfel in L’Aquila. Sondergipfel der Afrikanischen Union, 31. 8. 2008.

(Tages-Anzeiger)

König der Könige

1. September 2009

1978 hat Ryszard Kapuscinski seine Parabel der Macht – König der Könige geschrieben.  Aus Gesprächen hat der polnische Journalist ein schillerndes Porträt des legendären „Königs der Könige“ , Haile Selassie, Negus Negesti von Aethiopien geschrieben. Interessant am Buch ist auch heute noch, wie Kapuscinski aus Reportage Literatur macht, nicht nur eine soziologische Analyse, ethnografische Feldstudie, politisches Pamphlet oder brilliante Satire. Er kümmert sich nicht um journalistische Regeln, ob man mit O-Ton so umgehen darf, ihn zuspitzen darf – oder wie man dem auch sagen will. Es geht ihm um so etwas wie Wahrhaftigkeit. Naja, das ist das eine – das andere ist: Das Buch ist heute genau so lesenswert wie damals. Die Parabel der Macht kann immer noch als Parabel dafür gelesen werden, wie politische Macht ausgeübt wird.  Darüber hinaus lohnt sich die Lektüre auch für jeden gewöhnlichen Arbeitnehmer. Sie erleben im Arbeitsalltag wie imperiale Macht ausgeübt wird. 

Als Epitaph zitiert Kapuscinski C.G. Jung: „Der Mensch gewöhnt sich an alles, wenn er nur das nötige Stadium der Unterwürfigkeit erlangt.“

Cover Ryszard Kapuscinski: König der Könige

Cover Ryszard Kapuscinski: König der Könige

22.6.09 Mail einer jungen iranischen Radiokollegin

23. Juni 2009

Hallo lieber Martin,

vielen Dank fuer deine nette email an mich. Tja, was soll ich sagen? wer haette gedacht, dass es so weit kommen wuerde. Ich habe eine woche vor den Wahlen mein Job im Radio gekuendigt. Es war aus anderen Gruenden, aber ich bereue es jetzt im Moment gar nicht mehr. ganz im gegenteil. Auf jeden Fall bin ich nicht einmal mehr faehig dir von der jetzigen Situation hier zu berichten.

Ich war nur vorgestern imZentrum der Stadt und es war wie auf einem Kriegsfeld. Ueberall hat es gebrannt. ich war erst gegen 12 Uhr abends vorbeigefahren mit meinen Eltern. Die Feuerwehr war dabei das Blut auf den Strassen wegzuwischen. Ueberall lagen Steine auf dem Boden.

Ich befuerchte noch schlimmere Tage fuer dieses Land. Wenn die USA eingreifen sollte, dann erwartet uns ein Schicksal wie Irak oder Afghanistan. Ich wuerde am liebsten noch heute mit meiner Familie und meinem Freund das Land verlassen. Es geht aber nicht.

Also, bis die Tage, wo ich weiterhin emails schreiben werde,

Take care

Ba. Akh.

Flexibilität

18. Mai 2009

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heisst es so schön formuliert im deutschen Grundgesetz. Man darf diese Formulierung als bewusste Reaktion auf die massive Missachtung der Würde des Menschen durch den nationalsozialistischen Staat verstehen.

Würde habe ich aber nur dann, wenn ich Geschichte habe. In einer traditionellen Gesellschaft erwirbt sich ein Mitglied dadurch Würde, dass es im Laufe seiner Geschichte Verdienste um die Gesellschaft erwirbt. Er ist ein grosser Jäger, eine kluge Mutter, ein grossartiger Sänger. Man kann dem Jäger nicht sagen: So jetzt hütest du die Kinder, und du Frau, du gehst jagen. Das würde ihre Ehre verletzen.


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