Czernowitz

Wie kommt man nach Czernowitz? Man fliegt zum Beispiel nach Bukarest, reist von dort in den moldawischen Teil des Landes, etwa nach Jasch, besucht die moldawischen Klöster bei Sucava, fährt über die Grenze in die Ukraine und erreicht so Czernowitz. Oder man fliegt über Wien nach Lemberg, Lviv, nimmt dort den Nachtzug nach Czernowitz (das dauert die ganze Nacht) oder fährt über Land in die Bukowina – die Fahrt dauert etwa fünf Stunden.

Lukoil-Tankstelle.
Lukoil – das ist eine russische Erdölgesellschaft und steht hier für die engen Verbindungen der Ukraine zu Russland. Die Ukraine ist abhängig von den Energielieferungen Russlands. Das Land erlebt heute eine Zerreissprobe zwischen jenen, die am liebsten schon morgen in der NATO und in der EU wären und den andern, die sich weiterhin an Russland anlehnen möchten.Im Westen der Ukraine, da sind wir hier unterwegs, ist man eher pro-westlich eingestellt. 
Lukoil – da gibt es auch eine Verbindung zur Schweiz: Genf ist einer der wichtigsten Öl-Handelsplätze der Welt. Wenn nicht alles täuscht wird eines der ersten Hochhäuser, die in Genf geplant sind, ein Lukoil-Turm werden.

Czernowitz by night.
Czernowitz putzt sich heraus, schliesslich feiert man den 600. Geburtstag der Stadt. Die Fassaden der Stadt sind im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie eingefroren worden und während der beiden Kriege ist Czernowitz nicht zerstört worden. Aber von der gesamten Bevölkerung geleert. Die Deutschen brachten die Nazis heim ins Reich, die Juden haben sie vernichtet, die Rumänen zogen von allein ab und die Polen wurden nach Polen umgesiedelt und die Ukrainer schickte Stalin nach Sibirien. Die leere Stadt füllte er schliesslich mit Russen und Ukrainerin, die vom Krieg zurückkehrten. Die «neuen» Bewohner versuchen an der alten Tradition anzuknüpfen. Aber die Mittel, die für die Modernisierung der Stadt zur Verfügung stehen, sind sehr gering. Jeder anständige Schweizer Fussballclub hat ein grösseres Budget als Czernowitz.

Die Universität von Czernowitz.
«(U)NIVERSITÄT» heisst es am prächtigen Ziegelbau, damals erstellt als Residenz für den für römisch-katholischen Bischof. Ein kleines Detail sagt hier sehr viel über den Geist, der in der Stadt herrschte: Man beachte am rechten Türmchen den Steinkranz unter der Kuppel mit dem Kreuz. Es ist ein Kranz aus Davidsternen. Die jüdische Gemeinde hat finanziell mitgeholfen, damit die Bischosresidenz überhaupt fertiggestellt werden konnte. 

Davidstern in einem jüdischen Haus in Czernowitz.
Nochmals Davidstern. Das ist ein Bild aus dem jüdischen Haus in Czernowitz. Dem Stern im Vordergrund sind zwei Spitzen abgesägt worden. Am Geländer im Hintergrund sieht man, wie es im Original gedacht war. Wer hat am ganzen Treppengeländer die Spitzen abgesägt? Nein, nicht die Nazis. Das waren die Sowjets. Inzwischen hat man die Spitzen wieder angeschweisst – bis auf den einen Stern, der von dieser Geschichte erzählen soll. 

DRS 2 Redaktor Martin Heule mit Alexej und Olga.
Alexej ist in Czernowitz aufgewachsen und hat in Leningrad Architektur studiert und dort Olga kennengelernt. Zusammen sind sie nach Czernowitz gezogen. Sie haben eine Tochter, die an der Universität Mathematik unterrichtet. Für eine Schriftsteller Freundin haben sie ein Buch illustriert. Wovon leben sie? Jeweils im Sommer ziehen sie nach Graz in Oesterreich und fertigen dort mit grossem Talent Porträts der Einwohner an, die diese bei ihnen bestellen. Sie malen auch ihre Häuser und Gärten.

Blick die jüdische Schule von Czernowitz.
Die jüdische Schule erfreut sich in der Stadt grosser Beliebtheit – nicht nur bei jüdischen Eltern. Viele der Kinder sind Nichtjuden und lernen mit den anderen, zu den üblichen Schulfächern, Hebräisch und biblische Geschichte. Die Schule wird vom Schweizer Raymond Guggenheim, unterstützt. Er organisiert übrigens regelmässig Reisen nach Czernowitz und nach anderen Destinationen in Osteuropa, immer auf den Spuren der jüdischen Geschichte (www.jct.ch). Am Samstag stehen Räume der Schule für eine Gruppe zur Verfügung, die mit drogensüchtigen Eltern und ihren Kindern arbeitet. Sie sind sonst nirgends untergekommen.

Gefragte Männer: Rabbiner in Czernowitz.

Auch Nichtjüdinnen sind am Rat der Rabbiner interessiert.
Von den 70 Synagogen und Bethäusern ist noch eine Synagoge geblieben. Die Frauen in den Bänken warten alle auf eine Unterredung mit dem Rabbiner. Es sind keine Jüdinnen, sie vertrauen aber auf seinen Rat. Andere kommen vorbei und berichten dem Gehilfen des Rabbiners von ihren Sorgen, der notiert die Gebetsintention und nimmt eine Spende entgegen. Der Rabbiner ist sehr gefragt – auch telefonisch. 

Das einstige Märchenschloss des Wunderrabbi Zaddik Friedmann.
In Sadagora, heute ein Teil von Czernowitz, lebte ein berühmter Wunderrabi, Israel Friedmann. In Kiew wegen Mordverdachts in Kerkerhaft, flüchtete er 1842 ins benachbarte Österreich-Ungarn. Nicht das von liberalen und deutschsprachigen Juden bevölkerte Czernowitz war dabei sein Ziel, sondern das kleine Sadagora, ein Ort, dessen Bewohner einen üblen Ruf als Gauner, Rosstäuscher und Betrüger hatten. Für den Zaddik Friedmann, wie die geistlichen Führer der Chassidim genannt wurden, war das Schmugglerstädtchen Sadagora dagegen der rechte Ort, wie Ernst Hofbauer in seinem Buch «Verwehte Spuren» schreibt: «Er trat dort auf als Heiliger, Auserwählter und Einflüsterer des erhabenen Gottes, gab vor, Tote zu erwecken, Verdammte von den Strafen der Hölle zu erlösen, Seelen zu befreien, Lahme gehend und Blinde sehend zu machen.»

Statue von Leopold Sacher-Masoch.
Seine Versprechungen hatten Erfolg. Nicht nur die Armen von Sadagora kamen schließlich zum Wunderrabbi, sondern auch, wie Leopold von Sacher-Masoch (ja, der vom «Masochismus»!) berichtet, «reiche Jüdinnen in kostbaren Samtkaftanen und blitzenden Diamanten, Armenier, Polen, Lippowaner und deutsche Kolonisten, Schwaben in hohen Stiefeln mit Quasten, kurzen Tuchjacken, den heimatlichen Filzhut oder die Schirmmütze auf dem Kopfe, Soldaten und Zigeuner». Israel Friedmann dankte dem armen Schtetl seinen plötzlichen Reichtum, indem er anordnete, nach seinem Tode einen Tempel wie jenen in Jerusalem zu errichten. So steht das Märchenschloss des Wunderrabbi noch heute, ein Backsteinbau mit Türmchen, architektonisch irgendwo zwischen europäischem Protz und maurischer Verspieltheit. Nur etwas verfallen ist es, nachdem bis vor kurzem noch eine staatliche Metallfabrik, vorher eine Radiofabrik, im Schloss des Zaddik Friedmann residierte.Israel Friedmann dankte dem armen Schtetl seinen plötzlichen Reichtum, indem er anordnete, nach seinem Tode einen Tempel wie jenen in Jerusalem zu errichten. So steht das Märchenschloss des Wunderrabbi noch heute, ein Backsteinbau mit Türmchen, architektonisch irgendwo zwischen europäischem Protz und maurischer Verspieltheit. Nur etwas verfallen ist es, nachdem bis vor kurzem noch eine staatliche Metallfabrik, vorher eine Radiofabrik, im Schloss des Zaddik Friedmann residierte.

Drei Krankenschwestern in Ausbildung.  

Diese jungen Frauen sind künftige Krankenschwestern auf dem Weg zum Sportunterricht. Sie haben alle grosse Pläne, wollen gar Aerztinnen werden oder mindestens eine eigene Praxis aufmachen. Für ihre älteren Kolleginnen ist die Wirklichkeit eine andere: die Hälfte aller ukrainischen Krankenschwestern wandern aus, die meisten nach Italien, wo sie für Kost und Logis und 1000 Euro alte ItalienerInnen zu Hause pflegen.Das kann manchen Familien helfen. Bei anderen geht es schief: der Ehemann sucht sich eine neue Frau und die Kinder werden bei den Grosseltern untergebracht oder sind sich selber überlassen. Die Fremdarbeiterinnen pflegen auch häufig aus schlechtem Gewissen, ihre Kinder mit vielen Geschenken zu verwöhnen. Die vielen Bankomaten-Schalter in der Stadt stehen, so sagt man uns, im Zusammenhang mit den Fremdarbeiterinnen. Sie überweisen das Geld auf ein Konto, von dem dann die Kinder und der Mann das Ersparte abheben.

Wenn die Wasserversorgung nicht funktioniert, kommt der Tankwagen.
Im Prinzip funktioniert die Wasserversorgung, aber sie ist sehr alt und pannenanfällig. Und repariert wird nicht gleich über Nacht. Manchmal dauert es Monate, bis der Schaden behoben wird, dann kommt dieser Tankwagen und die Leute können sich Trinkwasser kaufen.

Kohl ist ein Grundnahrungsmittel.

Vier Türmchen für die vier Evangelisten. Hier, nach der Mode der Zeit, wie die Czernowitzer sagen, als «besoffene Türme» gestaltet.

Der Kalinowski-Basar.
Der Kalinowski-Basar vor den Toren der Stadt ist einer der grössten Basare Osteuropas. Bei den Unwettern in Frühjahr stand er bis zu zwei Metern unter Wasser (die westlichen Medien haben übrigens kaum über diese Unwetter in der Ukraine gesprochen – warum eigentlich?). Viele der Waren werden aus der Türkei importiert. Die Kunden kommen aus der ganzen Ukraine und aus dem Norden Rumäniens und aus der Republik Moldau.

Eistruhe im Foyer des Stadtkinos.
Wir sind im Foyer des Stadtkinos. Früher war das die grosse Synagoge. Auf der schwarzen Tafel hinter der Glacé-Truhe, links vom Aquarium, wird des berühmten Sängers Joseph Schmidt gedacht. Er war hier Kantor. Der weltweit erfolgreiche Schmidt nahm zahlreiche Schallplatten auf und sang zwischen 1929 und 1933 am Berliner Rundfunk in 38 Rundfunkopern als Tenor. Mit seinen Radiosendungen trug er nicht nur zur Popularität des deutschen Rundfunks bei, sondern wurde selbst ein gefeierter Tenor.Aufgrund seiner geringen Körpergrösse von 1,58 m blieb ihm eine Karriere auf der Opernbühne verwehrt. Die Frauen schwärmten für den Sänger, aber, ebenfalls wegen der Körpergrösse, scheiterten alle Beziehungen. Alte Leute in Rumänien oder in der Ukraine sagen einem manchmal, wenn sie erfahren, dass man aus der Schweiz kommt: «Sie haben Joseph Schmidt sterben lassen!» Das stimmt. Nach der Premiere seines Films «Ein Lied geht um die Welt» 1933 floh er vor den Nazis zunächst nach Wien, gastierte in Palästina, debütierte als gefeierter Tenor in New York, kehrte zurück nach Wien, floh nach Belgien, später nach Frankreich. Hier wurde er als deutscher Jude in Südfrankreich zwangsinterniert. Schmidt gelang im September 1942 nach mehreren missglückten Versuchen die Flucht in die Schweiz. Durch die Flucht geschwächt, brach Schmidt in Zürich auf offener Straße zusammen, wurde erkannt und als illegaler Flüchtling in das Internierungslager Girenbad «zur Abklärung des Falles» gebracht.Schon nach kurzer Zeit erkrankte er an einer Halsentzündung und wurde in das Kantonsspital Zürich eingewiesen. Zwar behandelte man dort die Halsbeschwerden, seinem Hinweis auf starke Schmerzen in der Herzgegend wollte man jedoch nicht nachgehen und verweigerte eine weitere Untersuchung. Als offiziell geheilt, wurde Schmidt am 14. November 1942 aus dem Kantonsspital entlassen und musste in das Auffanglager Girenbad zurückkehren. Nur zwei Tage später starb der berühmte Sänger im nahegelegenen Restaurant Waldegg an Herzversagen. Die Lagerärzte konnten wegen mangelnder medizinischer Ausstattung nicht mehr helfen. Er ist auf dem israelitischen Friedhof Unterer Friesenberg in Zürich beigesetzt.

Dieser Cappucino zeigt sehr gut, wie Czernowitz heute funktioniert: Es gibt noch die «k.u.k.-Gemütlichkeit» und es gibt noch die sowjetische Arbeitsweise – man hat Zeit.
Martin Heule
Fotos: Dominik Landwehr, www.sternenjaeger.ch

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2 Antworten to “Czernowitz”

  1. Edgar Hauster Says:

    Hallo Martin,

    von Blogger zu Blogger, von Czernowitz-Besucher zu Czernowitz-Besucher: Danke für deinen wirklich interessanten Blog und für den DRS-Beitrag, der hinter das nostalgisch geprägte Bild von Czernowitz schaut.

    Alles Gute & viele Grüße!

  2. heulema Says:

    Hallo Edgar, vielen Dank! Schau mal bei http://www.sternenjäger rein. Dominik Landwehr reist immer wieder in die Region. Viele Grüsse

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